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Christin Hohn strahlt Tatendrang aus. Die 37-Jährige aus Darmstadt ist vor kurzem Mutter geworden, arbeitet wieder in Teilzeit in ihrem Job als Friseurin und hat viele Pläne. Aber immer wieder bremst ihr Körper sie aus – denn sie leidet unter einem Lipödem. „Man hat ständig blaue Flecken und es zieht überall,“ so beschreibt es Hohn, „sodass man das Gefühl hat: Einem platzen die Beine auf.“
Die ersten Symptome tauchten bei Christin Hohn im Alter von etwa 30 Jahren auf. Damals wurden ihre Beine plötzlich immer dicker, sie nahm an Gewicht zu und war ratlos. „Rückblickend habe ich jahrelang nicht gewusst, was mit mir nicht stimmt,“ sagt sie heute. Immer wieder hörte sie damals, sie müsse einfach nur ein paar Kilo abnehmen oder mehr Sport machen.
Diagnose entlastet
Die Diagnose Lipödem bekam Christin Hohn vor zwei Jahren. Eine aufmerksame Hausärztin überwies sie zu einem Facharzt, der per Ultraschall die Verteilungsstörung des Fettgewebes nachwies.
Beim Lipödem handelt es sich um eine chronische Erkrankung, die Betroffene ein Leben lang begleitet, aber oft lange unentdeckt bleibt, erklärt der Bad Sodener Hautarzt Stefan Rapprich. Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. „Ich habe erfahren, wie dankbar Betroffene sind, wenn sie erfahren: Das ist eine Krankheit – sie sind nicht selbst schuld.“
Hilfe durch Fettabsaugung
Stefan Rapprich betont, dass es mit der Liposuktion, einer Fettabsaugung, neben konservativen Methoden auch eine wirksame operative Behandlung für Betroffene gibt.
Ihr habe diese Operation sehr geholfen, berichtet die Betroffene Claudia Effertz aus Bensheim (Bergstraße). Zum Zeitpunkt ihrer ersten Liposuktion sei sie aufgrund der Schmerzen berufsunfähig gewesen und habe nur noch an Krücken gehen können. Mittlerweile sei sie acht Mal operiert worden und meistert neben vollen Berufstagen auch ihr ehrenamtliches Engagement im Vorstand der Lipödem-Gesellschaft. In diesem bundesweit aktiven Verein sind Betroffene, Selbsthilfegruppen sowie Ärztinnen und Ärzte vernetzt.
Operation erst seit diesem Jahr Kassenleistung
Die meisten ihrer Operationen seien von der Krankenkasse übernommen worden, aufgrund von Einzelfallentscheidungen, erzählt Effertz. Manche der bis zu 8.000 Euro teuren OPs habe sie aber selbst zahlen müssen.
Effertz berichtet, bei der Lipödem-Gesellschaft hätten sich immer wieder Frauen gemeldet, die ihre Operationen selbst zahlen mussten und sich dafür teils verschuldet hätten. Dass seit diesem Jahr die Liposuktion in allen Stadien als Kassenleistung anerkannt ist, ist für sie deshalb ein Meilenstein.
Kostenübernahme gedeckelt
Dennoch bleibe die Lage für Betroffene schwierig, erklärt Effertz. Denn die Kostenübernahme der Kassen ist an Bedingungen geknüpft. Etwa muss der BMI (Body-Mass-Index) unter 35 liegen, was besonders schwer von Lipödem betroffene Frauen ausschließe.
Zudem sei die Bezahlung gedeckelt, was viele Ärzte und Kliniken davon abhalte, eine solche Operation als Kassenleistung anzubieten. „Wir operieren nicht zu diesen Bedingungen“, sagt Phlebologe Stefan Rapprich. „Es ist abzusehen, dass die Vergütung nicht einmal unsere Kosten deckt – das ist für eine Praxis logischerweise nicht tragbar.“
Unterversorgung für Betroffene
„Eine OP-Stunde kostet einen Preis“, erläutert Claudia Effertz, die mit der Lipödem-Gesellschaft auch Ärztinnen und Ärzte vertritt. „Wenn ich nur Geld für eine Dreiviertelstunde bekomme, kann ich nur ein bestimmtes Areal absaugen.“
Effertz fürchtet deshalb, dass OPs jetzt auf mehrere Termine verteilt werden könnten. Das wäre eine Belastung für die operierten Frauen und eine Entwicklung, die das Problem deutlich zu weniger kassenzugelassener Operateure und Kliniken und langer Wartezeiten noch verstärken könnte.
Gesundheitsministerium sieht Verbesserungsbedarf
Hessens Gesundheitsministerin Diana Stolz (CDU) hatte sich im Vorfeld dafür ausgesprochen, dass Liposuktion zur Kassenleistung wird. Sie will nach eigener Aussage Frauengesundheit mehr in den Mittelpunkt rücken. „Schmerzen sind keine Lappalie und Frauen stellen sich auch nicht an“, so Stolz.
Ministerin Stolz hält bei den aktuellen Regelungen zur Kostenübernahme der Liposuktion Nachbesserungen für nötig – aufgrund der strengen Vorbedingungen. Sie teilte mit, sie habe deshalb an Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) geschrieben, in der Hoffnung, „dass dies noch einmal überarbeitet wird in der Richtlinie.“
Konservative Behandlung weiter wichtig
Die Betroffenenvertreterin Claudia Effertz betont, dass über die Diskussion zur Liposuktion nicht die konservative Behandlung eines Lipödems aus dem Blick geraten dürfe. Lymphdrainagen, Kompressionsstrümpfe, Sport und Ernährung müssten weiterhin ebenfalls von den Krankenkassen berücksichtigt werden.
Effertz sieht dabei eher eine Verschlechterung des Angebots: Etwa auch dadurch, dass drastische Einschnitte bei den auf Lipödem-Erkrankungen spezialisierten Reha-Zentren in Bad Nauheim (Wetterau) und Bad Homburg (Hochtaunus) geplant sind. Die nächsten Anlaufstellen sind im Schwarzwald, in Bad Tabarz (Thüringen) oder in Bad Berleburg (Nordrhein-Westfalen).
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