Ungesehen – Wenn Sichtbarkeit Mut bedeutet

Es gibt Momente im Leben, die bleiben für immer im Herzen. Unsere Reise nach Berlin war genau so ein Moment.

Es war weit mehr als eine Fahrt zu einer Fotoausstellung. Es war eine Reise zu uns selbst. Eine Reise voller Mut, Tränen, Hoffnung und Gemeinschaft.

Warum dieses Projekt entstanden ist

Nach vielen Telefonaten, E-Mails und gemeinsamen Ideen fanden sich Frauen aus ganz Deutschland zusammen, um ein außergewöhnliches Projekt zu unterstützen.

Die Masterarbeit von Friederike Knust beschäftigt sich mit einer Frage, die uns alle tief berührt:

Was passiert, wenn Menschen mit Lipödem selbst entscheiden dürfen, wie sie gesehen werden möchten?

Viel zu lange wurde über uns gesprochen.

Jetzt sprechen wir selbst.

Die fotografische Ausstellung „Ungesehen – Wenn Körper nicht der Norm entsprechen“ macht sichtbar, was sonst verborgen bleibt.

Nicht nur unsere Körper.

Sondern unsere Geschichten.

Unsere Schmerzen.

Unsere Stärke.

Unsere Würde.

In diesem Projekt bestimmen die Betroffenen selbst über jedes Bild. Über jede Perspektive. Über jedes Detail.

Nicht andere erzählen unsere Geschichte.

Wir erzählen sie selbst.


Gemeinsam nach Berlin

Am 12. Juni machten wir uns auf den Weg nach Berlin.

Aus Bingen, Nürnberg, Mayen, Braunschweig, Peine, Erfurt und vielen weiteren Orten kamen wir zusammen.

Schon die Anreise war ein kleines Abenteuer.

Wer mit Lipödem lebt, weiß, dass lange Autofahrten gut geplant werden müssen. Regelmäßige Pausen gehören einfach dazu. Also führte uns der Weg von Raststätte zu Raststätte – und wir nahmen es mit Humor.

Denn genau diese kleinen Momente machen Gemeinschaft aus.

Lachen.

Reden.

Durchatmen.

Füreinander da sein.

In Berlin angekommen bezogen wir unser Hotel und ließen den Abend gemeinsam bei einem wunderbaren italienischen Essen ausklingen.

Niemand ahnte, welche emotionalen Stunden noch vor uns lagen.


Ein Fotoshooting, das unter die Haut ging

Am nächsten Morgen begann das Fotoshooting.

Jede einzelne Frau brachte ihre eigene Geschichte mit.

Jede hatte ihre eigene Idee.

Ihre eigenen Narben.

Ihre eigenen Kämpfe.

Und genau das machte dieses Projekt so besonders.

Frieda und Fanni schufen eine Atmosphäre voller Vertrauen.

Niemand musste etwas darstellen. 

Niemand musste perfekt sein.

Wir durften einfach wir selbst sein.

Zwischen den Fotos entstanden intensive Gespräche.

Es wurde gelacht.

Es wurde geschwiegen.

Es wurde geweint.

Und genau darin lag die Kraft dieses Projektes.


Die Ausstellung

Als wir einige Wochen später zur Ausstellung zurückkehrten, wussten wir nicht, was uns erwarten würde.

Dann hörten wir zum ersten Mal unsere eigenen Interviews.

Jede von uns hatte sie einzeln aufgenommen.

Keine wusste, was die andere erzählt hatte.

Unter den Bäumen des Prinzessinnengartens erklangen plötzlich unsere Stimmen.

Unsere Wahrheit.

Unsere Verletzlichkeit.

Unsere Hoffnung.

Ich konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten.

Ich sah Susanne vor ihrem Bild stehen.

Wir mussten nichts sagen.

Wir nahmen uns einfach in den Arm.

In diesem Moment wurde mir bewusst:

Wir sind mit unseren Kämpfen nicht allein.

Nadine. Natascha , Babett. Frieda, Susanne. Meike.

Und alle anderen Frauen, Jede trägt ihre eigene Geschichte.Jede kämpft täglich. Mit Schmerzen. Mit Anträgen. Mit Krankenkassen.

Mit Rezepten. Mit Ablehnungen. Mit Behörden. Mit Familie. Mit Beruf. Mit Selbstmanagement.

Und trotzdem stehen wir immer wieder auf.


Mein persönlicher Weg

         

Viele von euch wissen, dass ich in den vergangenen Jahren einen langen Weg gegangen bin.

Ich habe Gewicht verloren.

Ich hatte mehrere Operationen.

Vier Straffungsoperationen.

Und auch schwere Wundheilungsstörungen.

Nichts davon war leicht.

Zum ersten Mal meinen neuen Körper öffentlich zu zeigen, machte mir Angst.

Wer möchte schon Narben zeigen?

Wer möchte sich verletzlich machen?

Wer möchte gesehen werden?

Ich habe lange mit mir gerungen.

Doch irgendwann wurde mir klar:

Das ist mein Körper.

Er hat mich getragen.Er hat unzählige Schmerzen ausgehalten.

Er hat mich nicht im Stich gelassen. Heute kann ich wieder tanzen. Ich kann den Wind auf meiner Haut spüren.

Ich kann das Leben wieder fühlen. Natürlich bin ich nicht perfekt. Ich habe immer noch Lipödem. Ich trage Kompression.

Manchmal Orthesen. Manchmal einen Gehstock. Und ja…Menschen schauen. Aber wisst ihr was?

Heute dürfen sie schauen.

Denn ihre Blicke bestimmen meinen Wert nicht mehr.

Diese Freiheit ist unbezahlbar.


Warum wir laut werden

 

 

 

 

Wir alle wissen, wie schwer das Leben mit einer chronischen Erkrankung sein kann.

Jede von uns kämpft.

Jeden einzelnen Tag.

Deshalb haben wir uns entschieden, gemeinsam laut zu werden.

Nicht gegeneinander.

Sondern füreinander.

Im Aktionsbündnis „Wir werden laut“.

Sind wir perfekt?

Nein.

Müssen wir das sein? Ganz sicher nicht. Wir wachsen. Wir lernen. Wir entwickeln uns. Denn auch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut.   

Was uns verbindet, ist viel größer als jede Kleinigkeit.

Es ist unsere Überzeugung, dass Menschen mit Lipödem sichtbar sein dürfen.

Mit all ihren Narben.

Mit ihren Tränen.

Mit ihrer Kraft.

Mit ihrer Schönheit.

So wie sie sind.

Denn Sichtbarkeit verändert.

Nicht nur den Blick anderer.

Sondern auch den Blick auf uns selbst.

Und genau deshalb war Berlin für mich viel mehr als eine Reise.

Es war ein Stück Heilung.

Ein Stück Freiheit.

Und ein Stück Zukunft.

❤️

 

gesammelte Werke 🙂